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Gestaltungssatzungen
 
Die Idee des Klassischen und ihr bürokratischer Wurmfortsatz

Die Strategien, mit denen derzeit die Risiken experimenteller Architekturentwicklungen hierzulande gebremst oder vermieden werden, beziehen sich immer und immer wieder auf die Errungenschaften unserer Vorfahren. Dass diese ebenfalls experimentell und riskant waren, sich folgerichtig recht oft im Widerspruch zu Machtstrukturen und populären Ansichten ihrer jeweiligen Gegenwart gebildet haben, gerät dabei allzu oft in Vergessenheit. Die Vorstellung vom "Bewährten" wird dabei völlig aus seinem Entstehungszusammenhang gerissen. Dieses ungute Durcheinander droht jetzt in merkwürdigen Gestaltungssatzungen zu amalgamieren.
18_1.jpgNike und Rennwagen (Bilder: frei04 publizistik)
Im futuristischen Manifest von 1909 heißt es sinngemäß, ein Rennwagen sei schöner als die Nike von Samothrake. Hm. Bewertet man diese kühne Behauptung heute mal wieder aufs Neue, muss man natürlich Einspruch erheben: So einfach ist und war das mit der Schönheit nie. Das Neue wurde damals gegen das Alte ausgespielt. Vergegenwärtigt man sich jedoch das Jahr 1909, versteht man dies in gewisser Weise: Deutschland erkennt 1909 die Vormachtstellung Frankreichs in Marokko an, in Preußen werden die Einkommen von Großverdienern veröffentlicht: 77 Millionäre und 17957 Steuerzahler beweisen laut offiziellen Kommentaren der preußischen Finanzbehörden, dass von einer "Verelendung der Massen" keine Rede sein könne. Solche Sorgen schlugen sich in den Künstler- und Architektenkreisen und ihren Manifesten nieder.
Genau hundert Jahre später erreichen uns natürlich tendenziell andere, belanglosere Nachrichten: Der Berliner Senat wolle mit einer "Gestaltungssatzung" Einfluss auf Bauvorhaben im Zentrum der Stadt nehmen, damit der Historie mehr Respekt gezollt werde (Welt am Sonntag, 19.4.09). Bemerkenswert ist, dass die Protagonisten historischer Baukunst – wie derzeit auch mal wieder Prinz Charles, dem Initiatior von Poundbury – nicht primär am Bewahren des Existenten und wirkungsgeschichtlich Bewertbaren interessiert sind, sondern am vermeintlichen "Wiederherstellen des Verlorenen". Da hinein lassen sich trefflich die Schönheit, das Gute und Edle schlechthin hineinprojizieren – als Versprechen, als Verheißung.
18_2.jpgBildpaare aus der "Welt am Sonntag", 19.4.2009, "gelungen" und "fragwürdig"
Schon sind wir bei der Gestaltungssatzung: Dahinter steckt die Idee, dass die "historischen Stadtmitten" vor dem Unbill der lebenden Architekten zu schützen seien. In Berlin konkret: Unter den Linden, die Museumsinsel, der Gendarmenmarkt. Im Mai wird über die Gestaltungssatzung beraten, und schon im Juni soll sie beschlossen werden. Die "Welt am Sonntag" weiß, wie die Meinung zu diesem Thema gebildet wird (19.4.09): Gut und Böse, abgemildert auf "gelungen" und "fragwürdig", wollen mal wieder sauber voneinander unterschieden sein. Die Botschaft der Niederlande in Berlin: gut. Das Einkaufszentrum Alexa: schlecht. Das Jacob- und Wilhelm-Grimm-Zentrum von Max Dudler: gut; die Wasserbetriebe am Molkenmarkt von Christoph Langhof: schlecht. Das Ungarische Kulturinstitut von Schweger: gut. Das Haus am Bahnhof Friedrichstraße von Mark Braun: schlecht. Dass aber eine Gestaltungssatzung das Missratene verhindern könne, glaubt nicht einmal die Welt am Sonntag in ihrem Resümee. Die Gestaltungssatzung ist die Festschreibung des scheinbar Bewährten durch hilflose Baubeamte; sie ist der bürokratische Wurmfortsatz ermüdeter Genehmigungsregularien. Die Gestaltungssatzung ist der Wahlkampfschlager leutseliger Politiker. Die Gestaltungssatzung ist der Riegel fürs Kämmerlein, in dem man Störenfriede ruhig stellen will.
18_3.jpgKlassisches und Popkultur: David und David
Eine Gestaltungssatzung setzt voraus, dass es einen Konsens über ihr Ziel gäbe. Dieses Ziel könnte sein, das Vorhandene zu bewahren. Das Ziel könnte sich genauso gut in Richtung des "Klassischen" bewegen. Vielleicht ist es aber auch jener Teil der Gegenwart, der das Zeug zum Klassiker hat? Wer ahnte das?
Das "Klassische" ist von einem epochenübergreifenden Dasein charakterisiert, wodurch "erhebliche Verwirrung in die Welt kommt" (Burkhard Müller in der Süddeutschen Zeitung, 14./15.2.09, zu einer Weimarer Tagung zur Idee des Klassischen). Diese "erhebliche Verwirrung" erläutert der Autor so: "Es kann jederzeit ein moderner Mann der romantischen Liebe zu einer Frau von barocken Formen verfallen und damit einen klassischen Fehler begehen". In einer Gestaltungssatzung manifestiert sich also beileibe nichts Klassisches, sondern allein die Klassizität: die Illusion, dass Tiefkühlverfahren auch in Kunst und Architektur die Delikatesse des Frischen retten könnten.
18_4.jpgAus den Immobiliensortimenten: rundum Grün, im Hintergrund die Alpen – eine "Stadtvilla"? (Copyright: Hanse Haus)
Eine Gestaltungssatzung gibt sich populär, weil sie in (Wahl-)Bürgers Sinne verordnet wird. Was aber will der Bürger? Es lohnt sich immer wieder – auch oder gerade in Zeiten der Kapitalismuskritik – einen Blick in die Immobilienteile der Zeitungen und entsprechender Internetportale zu werfen: Während die Feuilletons, die Fachzeitschriften, das Baunetz oder www.german-architects.com zuhauf positiv über die vorzüglichen, experimentellen Beispiele berichten, zeigt sich in den Immobilienanzeigen nicht der Fachleute, sondern des "Bürgers Wille". Genauer gesagt: Es zeigt sich, wo dessen hart erarbeitetes Kapital entweder vermehrt oder in einen Lebenstraum umgesetzt werden soll. Und so lesen wir in den Immobilienteilen der Kalenderwoche 17 des Jahres 2009:
Im gehobenen oder als gehoben angepriesenen Sortiment: "Luxus-Villa", "Haus im Villenstil", "Klassische Villa", "repräsentative Landhaus-Villa", "designorientierte Doppelhaus-Villa". Geht es um den Altbau, heißt es: "charmante Altbauvilla mit Ausbaupotenzial"; "Altbauperle, top modernisiert", "historisches Flair mit Palais-Charme, topmodernisiert". Höchstpreissegment ist aber erstaunlicherweise: "einzigartiges Architektenhaus"; "moderne Architektur mit Blickfangqualität"; "extravagantes, innovatives Wohnambiente", "Penthouse, ohne Schrägen".
Das wichtigste bleibt indes die Lage, die Lage, die Lage: "Top- oder Bestlage", "Traumgrundstück", "ideal-zentral". Und: Was früher als "verkehrsgünstig" angepriesen wurde, gilt heute als abgasbelastet und laut, so wirbt man lieber mit: "urbanem Flair".
All dies passt zu keiner Gestaltungssatzung. Unter den Linden, Museumsinsel und ähnliche Areale bedürfen schon gleich gar keiner Gestaltungssatzungen, die womöglich gut gemeint sind, um Entgleisungen wenigstens partiell auszuschließen. Gerade an den genannten Stellen sind diese aber nicht zu befürchten. Im Alltag sind Gestaltungssatzungen Armutszeugnisse einer uneinigen Gesellschaft. Dabei birgt diese Uneinigkeit unglaubliche Chancen: Sie antizipiert die Herausforderungen eines global begriffenen Daseins, kann friedliches Zusammenleben unterschiedlicher Existenzen unter behaglichen Reagenzglasbedingungen erproben. In Städtebau und Architektur muss sie in anderen Strategien münden als in einer Gestaltungssatzung, um hundert Jahre nach dem futuristischen Manifest Stadt und Land und Zwischenräume als Heimat ihrer sehr unterschiedlichen Mitglieder zu entwickeln. ub